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Weltmeisterschaft Amsterdam aus Trainersicht

Weihnachten steht vor der Tür, und gegen Jahresende ist es traditionell Zeit, zurückzublicken und besinnlich zu werden. Judith hat ja bereits hervorragend über die diesjährigen Weltmeisterschaften informiert, daher ist dies ein Rückblick aus Trainersicht.

Und es begab sich zu der Zeit, dass ein Gebot vom Meister Schwarzrock ausgesandt wurde, dass Deutschlands Ruderwelt schneller rudere als alle anderen. Da machte sich auf   auch Markus aus Hamburg, vom Ruder-Club Süderelbe, in die Niederlande, in die Stadt des Lasters, nach Amsterdam, dass er die ihm anvertrauten Gladiatorinnen Judith, Katrin, Leonie und Wiebke in ihrer Galeere rudern ließe, so schnell wie möglich. – Aber der Reihe nach:

Tag 1 – Anreise

Gleich zu Beginn unseres Abenteuers wurde andeutungsweise klar, mit welchen Dimensionen wir es zu tun bekommen würden. Das Areal, welches uns von der Holland Beker Regatta vor fast 2 Monaten bereits vertraut gewesen sein sollte, sah völlig anders aus. Absperrungen, Sichtschutz, Freiwillige Helfer, Sicherheitsleute, und ein eigens geschaffener Eingangsbereich in Form und Größe des Bayernzeltes auf dem Dom vermittelten einem eher das Gefühl eines Pop-Konzertes, als das einer Ruderregatta. Ohne Zugangsberechtigungskarte lief hier gar nichts. Natürlich hatten wir bei unserer Ankunft vor Ort noch keine solchen Karten, aber glücklicherweise hatte ich mich entschieden, einen eigenen Bootstransport nach Amsterdam zu fahren. Auf diese Weise befand sich unsere Zugangsberechtigung direkt hinter unserem Auto, und wir durften passieren. Später am Tag haben wir dann unsere Team-Managerin getroffen, die uns mit entsprechenden Berechtigungen ausgestattet hat, so dass wir die folgenden Tage keinen Bootsanhänger hinter uns herziehen mussten, um aufs Gelände spazieren zu dürfen.

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Tag 2 – Der Tag vor den Vorläufen

Nachdem wir uns am Tag zuvor im Hotel eingerichtet und uns die allgemeinen Abläufe zu eigen gemacht hatten (Wann und wo gibt es Essen, wie funktioniert der Bus-Transfer von und zur Strecke etc.), stand so etwas wie „geordnete Langeweile“ auf dem Programm: Mannschaft aufs Wasser bringen, Fahrrad schnappen, Mannschaft beobachten, und ganz wichtig: Andere Mannschaften beobachten! Darauf folgend rätseln, ob das jetzt Gegner von uns sind oder nicht, und sind die jetzt schneller oder langsamer als wir...?

Tag 3 – Vorlauf!

Mit unserem Vorlauf haben wir einen Vor- und einen Nachteil auf unserer Seite. Bei insgesamt 9 Booten gibt es einen Lauf mit 4 und einen mit 5 Booten. Wenn man zum Weiterkommen den zweiten Platz erreichen muss, wünscht man sich natürlich den mit weniger Gegnern, welchen wir aber nicht bekommen haben. Auf den Bahnen neben uns lagen also Italien, die USA, Mexiko und Tschechien. Vorteil: Die von meinen Trainerkollegen als sehr stark eingeschätzten Gegner Großbritannien und die Niederlande befanden sich im anderen Lauf.  Erfreulicherweise bekamen wir eine Bahn auf der Seite zugelost, auf der sich auch die Fernsehwagen und das „Radrennen der Trainer“ befand. Auf diese Weise hatte ich das Gefühl, dass ich meine Mannschaft während des Rennens noch erreichen und unterstützen kann. Weit gefehlt. Was man erstaunlicherweise immer wieder vergisst: Es befinden sich noch eine Menge anderer Trainer in diesem Tross, die dasselbe vorhaben. Zum Beobachter degradiert, brüllte ich meine Damen trotzdem an. Aus Prinzip. Und damit die anderen Trainer ihre Leute auch nicht erreichen. So. Am Ende ging es auch so: Sieg im Vorlauf! Die Zeiten eröffneten allerdings Eigenartiges: Selbst Platz 4 im anderen Vorlauf war noch schneller als wir, die ersten in unserem Lauf. Konnte das sein? Als Devise gab ich den Sportlerinnen „Abwarten!“ mit auf den Weg nach Hause. Für einen Medaillenplatz mussten noch mindestens 2 bis 3 Sekunden her, die wir schneller fahren.

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Tag 4 – Warten

Nach Erfolg vom Vortag ließ sich die Stimmung am treffendsten mit „Langeweile mit Vorfreude“ bezeichnen. Wir wussten, dass wir was drauf haben, und brannten darauf, es auch endlich zeigen zu dürfen! Also wieder an die Strecke, noch ein paar Runden gedreht, danach verbrachte jeder den Tag auf seine Art. Ich überlegte mir in der Zeit, wie wir wohl jene 2 bis 3 Sekunden Bootsgeschwindigkeit erzeugen, die wir noch brauchen.

Tag 5 – Hoffnungslauf!

Wenn man den direkten Einzug in die nächste Runde geschafft hat, gehört es zum Ritual eines solchen Turniers, dass man sich den zweiten Versuch der im Vorlauf nicht erfolgreichen Mannschaften gemeinsam anschaut. Es waren faire Bedingungen, das Ergebnis lieferte die Erkenntnis, dass sich zu den bereits qualifizierten Finalteilnehmern GER, ITA, NED und AUS noch China und Großbritannien gesellen werden. Jene Mannschaften also, die nach den Vorlaufzeiten im anderen Lauf scheller als wir gewesen sein sollen. Trotzdem: Dass wir jetzt endlich wussten, mit wem wir es zu tun bekommen würden, erzeugte auf seltsame Art ein zufriedenes Gefühl, obwohl die Hauptaufgabe ja erst noch bevor stand. Mit meiner Strategie, noch 2 bis 3 Sekunden schneller zu rudern, war ich noch nicht wirklich weiter.

Tag 6 – Nochmal warten

Der heutige Tag ohne echte Aufgaben verdiente den Titel „gespannte Langeweile“. Wir drehten die üblichen Runden: Aus dem Trainingstempo der gegnerischen Boote versuchte ich, deren Renngeschwindigkeit zu prophezeien (ohne Erfolg), um anschließend daraus eine Strategie zu entwickeln, diese blöden 2 bis 3 Sekunden Tempo aus den Mädels zu holen (mit Erfolg!). Am Abend setzte ich mich mit den Damen im Einzelgespräch zusammen, um sie auf die bevorstehenden Ereignisse einzustimmen. Jede bekam ihren von Judith erwähnten Zettel, auf dem ihre jeweiligen Aufgaben standen. Ich hatte mir überlegt, dass wir die einzelnen Stärken der Sportlerinnen nur dann wirklich voll entfaltet bekommen, wenn nicht jede von der anderen genau weiß, was ihre Aufgabe ist. Oder anders gesagt: Um das Mittelschiff mit Wiebke und Judith zur Höchstleistung zu treiben, durfte es nicht wissen, dass die Mädels in Bug und Heck erst später in den Endspurt einsteigen. Diese sollten noch eine Weile den Bootslauf kontrolliert halten, bevor sie bei den anderen beiden mitmachten.

Tag 7 – Finale

Wind! Und eine ganz ordentliche Menge davon! Das hieß nach Anreise an die Strecke, sich erst mal einen Überblick zu verschaffen. Mit zwei meiner Trainerkollegen standen wir im Regen (nicht im übertragenen, sondern im wörtlichen Sinne) und versuchten uns im Lesen von Wellenbewegungen und -richtungen. Jahrzehntelange Trainererfahrung stand zusammen und orakelte, was das Zeug hielt. Halbwegs zufrieden machte ich mich auf den Rückweg, war allerdings nicht wirklich schlauer als vorher, was irgendwelche wetterbedingten Bahnvorteile anging. Der Druck an den Skulls musste erheblich härter geschraubt werden, soviel war klar.

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Judith hat es oben treffend erwähnt: Zum Nervositätsabbau, aber auch aus Sicherheitsgründen (man weiß ja nie!) wurde das Boot nochmal gründlich vermessen, poliert und anschließend nicht mehr aus den Augen gelassen. Kaum mit diesen Aufgaben fertig, erschienen die Sportlerinnen auch schon zur Rennbesprechung. Kurz vorher entschied die Regattaleitung, dass die Vorlauf-Gewinner nicht wie üblich auf den Mittelbahnen, sondern auf den Außenbahnen der Tribünenseite starten sollten. Eine für uns eigenartige Entscheidung, denn der Wind blies relativ genau von hinten in die Bahn. Dennoch erwies sich die Anordnung später als Glücksfall für uns. Vor Rennbeginn am Start mit meinem Fahrrad im Trainer-Peloton stehend und die Situation des Vorlaufs im Kopf fiel mir auf, dass wir erstens die Bahn ganz auf der anderen Regattabahn-Seite hatten und zweitens dort drüben wahrscheinlich keiner der anderen Betreuer dort fahren würde. Noch genug Zeit vorm Start? Gerade so. Also schnell an den Sicherheits- und Fernsehleuten vorbei auf die andere Seite geradelt. Prima, auch viel dichter dran, hier fuhren die Mädels mir quasi direkt vor den Füßen entlang. Und da ging es auch bereits los. Puh, ganz gut weggekommen, aber die Holländerinnen machten gleich von Beginn an mächtig Betrieb. Italien und Großbritannien sahen nicht so aus, als ob sie eine ernsthafte Gefährdung darstellen würden. Bleiben Australien (eine Nasenlänge vor) und China. Letztere auf Höhe der Holländerinnen, aber mit furchtbar unökonomischem Schlag unterwegs. So weit, so gut. „Cool bleiben, Laufen lassen, China kommt noch wieder vorbei“ gab ich ihnen ins Boot. Läuft doch ganz gut. Streckenhälfte: Holland uneinholbar mit technisch wirklich sauberem Schlag, Australien mit unglaublich viel Power, auch bereits eine halbe Länge weg, China inzwischen nicht mehr vorne dabei, sondern gleichauf. Also war die Aufgabe klar. Hier musste die Strategie „1 bis 2 Sekunden schneller“ zünden, und unsere Mannschaft sah aus, als wüsste sie, dass sie jetzt in Reichweite einer Medaille waren. Katrin gab das Kommando zum Endspurt rein, Judith und Wiebke gaben alles. Ab 500m kleiner Tumult: Hier begann der Zuschauerraum, keine Fahrräder erlaubt. Also in voller Fahrt runter vom Rad, dem Kontrolleur am Eingang mit der Zugangsberechtigung unter der Nase herumgewedelt und im Sprint zur nächsten Videoleinwand! Inzwischen waren auch Katrin und Leonie in den Endspurt eingestiegen und schafften es, den Abstand zu Australien noch einmal zu verkürzen. Am Ende wurde es eine sichere Bronzemedaille für unser Team! Welch großartige Leistung die vier abgeliefert haben, zeigte sich bei einem Blick auf die Zeiten: Die bisherige Weltbestzeit wurde in diesem Rennen von den drei (!) erstplatzierten Mannschaften unterboten, also Holland, Australien und uns.

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Nachdem ich die letzten 500m im Spaziergang zurückgelegt hatte, waren die siegreichen Mannschaften bereits ausgestiegen und warteten im zugangsbeschränkten Pressebereich auf ihre Siegerehrung. Trainer und Betreuer waren in diesem Bereich nicht zugelassen, jedoch funktionierte der alte Trick „Selbstbewusst auftreten, nicht anhalten und so tun, als gehört das so“ hervorragend, so dass ich doch noch als einer der ersten den glücklichen Damen gratulieren konnte. Bei der anschließenden Siegerehrung wurde mir bewusst, warum die Damen aus Holland ihre besten Sportlerinnen nicht in die olympische Bootsklasse gesetzt haben, den Doppelzweier, sondern im Vierer angetreten sind: Fußballstadion-Atmosphäre auf der Tribüne, und das bei einer Ruderregatta!

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An den Tagen danach habe ich noch häufig daran gedacht, dass ich mich irgendwie auch ein kleines bisschen darüber freue, dass die Holländer ausgerechnet in unserem Rennen ihren größten Erfolg dieser Weltmeisterschaft eingefahren haben. So eine Show, und so eine Siegerehrung werden wir wohl nie wieder erleben.

Markus Last

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