Ruder-Club Süderelbe » Berichte » 14_08 Vorbereitung WM

Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft

Judith trainiert... endlich im Doppelvierer

Eigentlich wäre ja Weltcup gewesen... also, bevor es da Missverständnisse gibt: der Weltcup in Luzern hat stattgefunden, leider aber ohne uns, denn wir hatten nur eine Gegenmeldung.

Stattdessen haben Katrin und ich uns dieses Wochenende aufgemacht nach Ratzeburg, um Wiebke und Leonie in der unmittelbaren Wettkampfvorbereitung für die U23-WM zu besuchen. Im Gepäck hatten wir neben einem Satz schwarz-rot-goldener Skulls auch einen fabrikneuen Doppelvierer.

WM_05.jpg

Der musste dann zunächst von ein paar Kilometer Frischhaltefolie (nicht dass er schlecht wird) und Klebeband befreit werden, dann ging's ans aufriggern. Auf irgendeinen Standard-Sportlertyp ist so ein Boot ja immer ausgelegt, leider sind die Sportlerinnen irgendwie nie so richtig standardisiert... also für mich die Schuhe ein paar Zentimeter hoch, für Leonie alle verfügbaren Keile unter den Ausleger bauen, bei Wiebke den Ausleger ganz nach hinten, dass Platz ist für die langen Gräten und im Bug noch flugs den extra hohen Wellenbrecher montiert, damit Katrin nicht nass wird. Wir hatten nämlich auch gleich bestes Ratzeburg-Wetter (ich berichtete)...

Damit es uns nicht langweilig wird sind wir am Samstag auch gleich die Belastungen mitgefahren. Anfangs war's noch etwas rumpelig, aber wir konnten uns von Strecke zu Strecke steigern. Auch die darauf folgenden Einheiten liefen gut, so dass wir am Sonntag zufrieden aus dem Boot steigen konnten.

WM_08.jpg

Für Leonie und Wiebke geht es dann ende Juli erstmal im Doppelzweier zur U23-WM nach Varese, Katrin schreibt noch ein paar Klausuren, ich geh brav arbeiten und such mir 'ne neue Wohnung, und dann geht's ab ersten August richtig los mit WM-Vorbereitung!

Geburtstagsausflug mit Katmarman

WM_09.jpg

Dieses Wochenende sind cruise days in Hamburg, mit ganz vielen Kreuzfahrtschiffen, und der besonderen Blue-Port Aktion - die Kräne des Containerterminals, einige Schiffe, viele Brücken und auch die Elbphilharmonie sind ganz in blau beleuchtet. Zeit für einen kleinen Ausflug...

WM_11.jpg

Einige meiner Vereinskameraden treffen sich abends um halb zehn für dieses besondere Spektakel nochmal zum Rudern, wir bevorzugen nach 34km Rudern plus Krafttraining dann doch die gemütliche Variante: zu sechst auf Markus' Katamaran und ab in den Hafen! Am Containerterminal vorbei geht's in richtung Köhlbrandbrücke, die zu unserer Enttäuschung gar nicht blau erstrahlt... erst als wir drunter durch sind stellen wir fest, dass das mal wieder ein Fest für die Bewohner des Nordstrands ist: die Brücke ist nur einseitig beleuchtet. Wir folgen dem Köhlbrand bis zur Einmündung in die Norderelbe und staunen nicht schlecht: auf der Elbe herrscht dichter Verkehr. In beide Richtungen fahren mehr oder weniger blau beleuchtete Gefährte vorbei: wir sehen viele Hafenfähren, zwei Kreuzfahrtschiffe, ein riesiges Papierboot, einen Schaufelraddampfer, einen Schwimmkran und sogar die Cap San Diego wird von zwei Schleppern in Richtung Nordsee bugsiert. Wir beschließen, uns da mal lieber nicht mit unserer Nussschale einzureihen und treten den geordneten Rückzug durch die Ellerholzschleuse, in den Reiherstieg, vorbei am Spektrum-Festival, für das der Rethespeicher in buntes Licht getaucht ist.

WM_10.png

Alles im Takt

WM_Vorbereitung_01.jpg

Nach der ersten Trainingseinheit heute morgen konnten wir dann doch alle wieder lachen - unser anfänglicher Tausendfüßler mit Backborddrall ist einem runden, gut laufenden Trainingsschlag gewichen - jetzt müssen wir das ganze nur noch auf Frequenz bringen..
.

WM_Vorbereitung_03.jpg

Das Training hatte Ende letzter Woche mit einer sehr unerfreulichen Nachricht begonnen: Leonie und Wiebke sind auf der U23-WM "nur" siebte geworden (jeder der das schlecht findet: macht das erstmal nach), und außerdem waren unserer Trainingsbelastungen vor ein paar Wochen in Ratzeburg (in unserer zweiten gemeinsamen Rudereinheit) doch noch ziemlich langsam. Deshalb haben die zuständigen Bundestrainer beschlossen, unsere endgültige WM-Teilnahme von unserem Ergebnis im Relationsrennen (also der Abschlussbelastung im Trainingslager) abhänging zu machen. Wir fühlen uns ziemlich veralbert, nicht zuletzt deshalb, weil wir sowieso eine selbstzahlende Bootsklasse sind (das Argument "lohnt sich nicht" zieht also nicht wirklich). Na ja, das leben ist hart, aber ungerecht, aber im Grunde genommen wissen wir alle, dass wir gute Ruderer sind und dass wir es verdient haben, zur WM mitgenommen zu werden. So'n blödes Relationsrennen wird uns da nicht aufhalten.

WM_Vorbereitung_04.jpg

Markus hat uns nochmal umgesetzt - anders als vor ein paar Wochen in Ratzeburg, als ich noch auf Schlag saß, sitzt jetzt Leonie auf Schlag, dann Wiebke, dann ich, und Katrin bleibt im Bug. Für mich, als klassische Bug- oder Schlagfrau, ist der Platz im Maschinenraum noch ziemlich gewöhnungsbedürftig - nicht nur, weil ich ständig vergesse, dass ich das Kommando habe... Aber der Bootsdurchlauf scheint Markus Recht zu geben.

WM_Vorbereitung_05.jpg

Und die ersten paar Trainingseinheiten in neuer Besetzung sind sowieso selten die pure Freude - alle haben ständig das Gefühl, nicht hinterher zu kommen, das Boot schaukelt oder hängt gleich permanent auf eine Seite, und statt vorne das Wasser sanft zu greifen und das Boot mitzunehmen, lösen wir in der Auslage erstmal einen Parkschein, um wieder von Null anzufangen...

WM_Vorbereitung_12.JPG
WM_Vorbereitung_09.JPG

Markus lässt uns stundenlang so fiese Übungen wie Pausenschläge, Luftschläge, Rudern ohne Schuhe und Rudern mit geschlossenen Augen machen (gerne auch alles in Kombination), so dass wir meistens heilfroh sind, wenn wir wieder aussteigen dürfen. Aber, was soll ich sagen: effektives Training ist, wenn man den Trainer nicht erst nach, sondern schon während des Trainings umbringen möchte. Und offensichtlich funktioniert es ja...

WM_Vorbereitung_11.JPG

Zwischenstand

Letzte Woche gab es viel zu feiern: nach mir ist nun auch Katrin uralt (also 24) geworden.

Am Sonntag haben wir dann noch einen Ausflug zur Hamburger Regattastrecke unternommen, um die Finals der Junioren-WM anzuschauen. (Ehrlich gesagt, irgendwie langweilig... es hat fast immer Deutschland gewonnen...)

Seit Montag sind wir jetzt in Ratzeburg (naja, fast, unsere Ferienwohnung liegt in einem richtigen Kuhdorf...) und schlagen uns mit den Wellen auf dem Ratzeburger See rum. Nachdem uns anfänglich erzählt wurde, dass wir das Boot mal lieber von Hamburg gleich nach Mölln an den Elbe-Lübeck-Kanal bringen sollen, geht es doch erstaunlich gut. Nicht zuletzt wegen unserer exklusiven Sonderanfertigung von Wellenbrecher (ca. 30cm hoch), die dafür sorgt, dass Katrin nicht jede Welle gleich über den Kopf bekommt. Sieht komisch aus, ist aber extrem wirkungsvoll...

WM_Vorbereitung_13.JPG
WM_Vorbereitung_14.JPG

Auch die Einkleidung konnte ausgiebig anprobiert werden - dieses Jahr dabei: die Schlafanzug-Karobluse!

Nachdem wir uns vor ein Tagen ruderisch ein bisschen festgefressen hatten, läuft die Kiste inzwischen wieder ganz gut und auch das erste Testrennen über 1000m war ganz zufriedenstellend. Jetzt müssen wir am Samstag nur noch beweisen, dass wir auch über die 2000m-Strecke noch schnell sind.  Der DRV schreibt dazu folgendes in der Pressemitteilung zur Nominierung des WM-Kaders: "Noch offen ist die Nominierung des Frauen-Zweier ohne Steuerfrau sowie des Leichtgewichts-Frauen-Doppelvierers, da bislang in beiden Bootsklassen die internationalen Vergleichswerte fehlen. (...) Den Leichtgewichts-Frauen war ein Start im Doppelvierer beim Weltcup-Finale in Luzern nicht möglich, sodass auch hier ein Rennen gegen eine vergleichbare Bootsklasse Aufschluss über die Erfolgschancen geben soll."

Insgesamt sind wir aber ganz guter Dinge, dass man uns wohl mitnehmen wird. Seit gestern ist auch das Meldeergebnis zur Weltmeisterschaft öffentlich. Wenn wir denn starten, dürfen wir uns auf ein für den leichten Doppelvierer sehr großes und stark besetztes Meldefeld freuen:

Es treten an:
Australien, China, Tschechien, Großbritannien, Deutschland, Italien, Mexico, Niederlande, USA

Relationsrennen

Es ist endlich soweit: das Relationsrennen steht an! Jetzt wird entschieden, ob wir zur WM fahren oder nicht.

WM_Vorbereitung_15.JPG

Da wir schon morgens um acht am Start liegen sollen, fällt vorher "wachrudern" leider flach, stattdessen gehen wir morgens eine Runde spazieren, um unseren Kreislauf in Schwung zu bringen. Einige Meter hinter uns läuft die Dopingkontolleurin, die leider just in dem Moment ankam, als Katrin schon durchs Badezimmer durch war, und sorgt für eine gewisse Situationskomik. Letztendlich muss sie uns dann doch bis nach Ratzeburg begleiten, aber immerhin schafft Katrin eine gültige Probe, bevor wir ablegen müssen.

Ziemlich nervös - Markus kennt inzwischen das Ausscheidungskriterium, hat uns aber selbst nur mitgeteilt, es sei "äußerst wohlwollend" - legen wir ab und fahren rüber auf den Küchensee, der uns mit glattem Wasser und einem leichten Schiebewind empfängt.

Wir fahren gegen den Leichtgewichts-Männer Zweier-ohne - es klingt zwar sehr komisch, aber in der Theorie sollten die tatsächlich so schnell sein wie wir, und das obwohl sie sechs Blätter weniger im Wasser haben. In der Praxis sind sie's leider nicht so ganz, so dass wir nach dem Startspurt relativ einsam die Bahn nach unten rudern. Unsere Anspannung macht sich auch im Ruderstil bemerkbar, wir geben zwar alles, aber dieses gewisse etwas, das Boot einfach vorne mitnehmen und beschleunigen, um dann locker wieder in die Auslage zu kommen möchte sich heute einfach nicht so recht einstellen, und auch unsere Spurtstärke hält sich in engen Grenzen. Schlecht war's aber jetzt auch nicht so richtig... etwas ratlos liegen wir am Steg und lassen uns die Ohren für die Laktatproben zerpieksen, dann geht's schnell zurück zur Akademie, denn aus dem leichten Nieselregen der letzten paar Minuten ist ein nicht mehr ganz so leichter Wolkenbruch geworden.

WM_Vorbereitung_16.JPG

Wir gehen an Land, aufs Spinningrad, zum Physiotherapeuten und wieder zurück ins Foyer der Ruderakademie, überlegen schon, zurück zur Ferienwohnung zu fahren, als ich endlich den rettenden Anruf von Markus bekomme: WIR SIND DABEI! Und zwar - trotz aller ruderischen Kleiningkeiten - mit Bravour. Im internen Ranking (angegeben wird jeweils aktueller Weltrekord/ gefahrene Zeit) stehen nur der Männerachter und der Leichtgewichts-Männereiner besser da als wir.

Judith Anlauf